Die (Un-)Möglichkeit von Wirtschaftsrechnungen: Warum der Sozialismus – im Vergleich zur freien Marktwirtschaft – scheitern muss, oder warum Preise wichtig sind

Die freie Marktwirtschaft ist sicherlich für den hohen Lebensstandard im Westen verantwortlich. Aber der Kapitalismus hat immer viele Debatten ausgelöst. Besonders in Wirtschaftskrisen ist die kapitalistische oder freie Marktwirtschaft häufig das Ziel von Angriffen.

Mitglieder von extrem linken Parteien oder Gruppierungen kritisieren beispielsweise nicht nur Banker, Manager oder Spekulanten, sondern lehnen auch unser kapitalistisches System gänzlich ab, welches sie vorschlagen, mit einem sozialistischen System zu ersetzen. Dieser Vorschlag ist allerdings geradezu absurd, weil aus ökonomischer Sicht Sozialismus zum Scheitern verurteilt ist.

Bereits 1920 verdeutlichte der Ökonom Ludwig von Mises die Defizite eines sozialistischen Systems in seinem Artikel „Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“. Für ihn bietet die sozialistische Wirtschaft – im Gegensatz zu einem kapitalistischen System – keine geeignete Basis für ‚Wirtschaftsrechnungen’.

Die sozialistische Wirtschaft und ihre ernsthaften Probleme

In Bezug auf den Sozialismus müssen wir gewisse Merkmale sowie Bedingungen voraussetzen. So würde in einem (reinen) sozialistischen System das „Gemeinwesen“ (z. B. in Form des Staates) alle Produktionsfaktoren besitzen. Es würde sozusagen die Kontrolle über alle Faktoren haben (d.h. Arbeitskräfte, natürliche Ressourcen, Kapital usw.), die für die Produktion von Waren und Dienstleistungen notwendig sind. Unter diesen Bedingungen würden sozialistische Unternehmen ernsthaften Problemen gegenüberstehen.

Generell würde im sozialistischen System kein Markt für Produktionsmittel/Ressourcen existieren, die wiederum nicht zu Austauschobjekten werden. Unternehmen oder die Menschen allgemein könnten mit anderen Worten nicht Geld gegen Kapitalgüter, Fahrzeuge, Grundstücke oder andere Dinge eintauschen. Dementsprechend würde es in der sozialistischen Wirtschaft keine Preisbildung in Zusammenhang mit Kapitalgütern oder Ressourcen geben, obwohl Preise von grundlegender Wichtigkeit in einer Wirtschaft sind.

Die ‚tragende’ Rolle von Preisen

Um die Bedeutung von Preisen anschaulich aufzuzeigen, ist es ratsam, deren Eigenschaften in einer freien Marktwirtschaft zu beschreiben, da sie sich in diesem System frei bilden können. Eine freie Marktwirtschaft gleicht in gewisser Weise ‚der Gesamtheit der freiwilligen Tauschaktivitäten von Käufern und Verkäufern’. Hier herrschen die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Als Tauschmedium für wirtschaftliche Transaktionen verwenden die Menschen selbstverständlich Geld in verschiedenen Formen (Bargeld, Kreditkarten usw.).

Preise in der freien Marktwirtschaft stellen eigentlich Signale oder Botschaften dar. Sie übermitteln die relative Knappheit von Gütern und Dienstleistungen. Wenn zum Beispiel ein Produkt einen hohen Preis hat, ist es knapp, wohingegen eine Ware mit einem geringen Preis üppig vorhanden ist. Preise sind daher nicht willkürlich oder chaotisch. Jedoch schwanken sie natürlich in einer Marktwirtschaft, indem sie auf Angebot und Nachfrage reagieren. Zusätzlich passen sie sich verändernden Bedürfnissen und Knappheitsbedingungen an.

Eine weitere äußerst wichtige Funktion in diesem Zusammenhang bezieht sich auf die Verteilung oder Allokation von Ressourcen. Dies bedeutet, dass Preise – durch deren Reagieren auf Angebot und Nachfrage und/oder Knappheitsbedingungen – eine ‚tragende’ Rolle dabei spielen, Ressourcen ihrem produktivsten Gebrauch zuzuführen. Zum Beispiel ‚bestimmen’ Preise wo eine bestimmte Ressource benötigt wird, wie viel von jeder Ressource gebraucht wird und wie fertige Produkte ihre Abnehmer finden.

Die Auswirkungen von Preisen auf Konsumenten und Produzenten

Daneben lohnt sich ein Blick auf die Konsumenten sowie Produzenten. Märkte, die durch Preise koordiniert werden, geben generell Konsumenten die Möglichkeit, anderen Menschen zu ‚kommunizieren’, was und wie viel sie wovon verlangen, und wie viel sie bereit sind, für ein bzw. mehrere Produkte zu bezahlen oder zu bieten.

Gleichzeitig signalisieren Produzenten, was sie im Tausch gegen Geld (oder gegen andere Kompensationsmittel) anbieten oder verkaufen. Somit leiten die durch Preise bestimmten Märkte Konsumenten und Produzenten, deren Verhalten auch beeinflusst wird.

Ein von Preisen beherrschtes System ermöglicht Konsumenten wie Produzenten verantwortliche ökonomische Entscheidungen zu treffen. Stellen Sie sich vor, Sie als Konsument beabsichtigen, einen teuren Luxusartikel zu kaufen. Bevor sie für diesen hochpreisigen Artikel viel Geld ausgeben, würden Sie gewiss sicherstellen, dass für ihre anderen Bedürfnisse gesorgt ist.

Versetzen Sie sich nun in einen Produzenten. (Oder vielleicht sind Sie sogar einer.) Wieder dienen Preise als Orientierungspunkte. Obwohl Produzenten, realistisch gesehen, überhaupt nicht wissen können, was sich zahlreiche Konsumenten wünschen, deuten Preise an, was produziert werden muss oder wo Ressourcen eingesetzt werden sollen. Dies bringt uns zu anderen, aber gleichzeitig damit verbundenen, Sachverhalten – Gewinne und Verluste.

Die Bedeutung von Gewinnen und Verlusten

Denken Sie nun an folgendes Szenario: Sie sind Autohersteller, der Fahrzeuge aus einer bestimmten Kombination von Komponenten produziert (Model a). Genau genommen kauft Ihr Unternehmen während des Produktionsprozesses besondere Teile oder Ressourcen von anderen Unternehmen (z. B. Zulieferern), gebraucht eigene, selbstgefertigte Komponenten und lässt die Autos des Models a von den von Ihnen angestellten Arbeitern zusammensetzen. Folglich fallen Produktionskosten an.

Sie verkaufen schließlich die Autos für einen Preis, der nicht nur die Produktionskosten abdeckt, sondern es Ihnen potenziell auch gestattet, einen Gewinn zu erzielen. Nehmen wir an, die Fahrzeuge verkaufen sich gut. Stellen Sie sich aber außerdem vor, Sie produzieren andere Typen von Autos mit einer unterschiedlichen Kombination von Ressourcen (Model b) in einem Produktionsprozess, der komplizierter und teurer ist. Sie bieten dann die Autos des Models b zu einem höheren Preis an. Doch die Autos finden keinen Absatz.

Infolgedessen müssen Sie die Preise für das Model b soweit wie möglich senken, um den Verkauf anzukurbeln, selbst wenn Sie dabei einen Verlust hinnehmen sollten. Falls Sie nämlich die Autos nicht verkaufen würden und damit die hohen Produktionskosten nicht abdecken könnten, würde Ihnen ein noch größerer Verlust drohen. Zukünftig würden Sie sicherlich das Gewinn abwerfende Model a weiterhin herstellen, während Sie damit aufhören würden, wertvolle Ressourcen in die Produktion des unprofitablen Models b zu stecken.

Zusammenfassend zeigen diese Szenarien die Bedeutung der Gewinne und Verluste, weil Anreize dadurch generiert werden. Darüber hinaus haben wir etwas über die große Wichtigkeit von Preisen im Produktionsprozess sowie bei der Verwendung von Ressourcen erfahren. Insgesamt bilden Preise zusammen mit der Aussicht auf Gewinne und der Gefahr vor Verlusten, Ludwig von Mises zufolge, die Grundlage für eine ‚Wirtschaftsrechnung’. Allerdings sind solche Wirtschaftsrechnungen in einem (reinen) sozialistischen System unmöglich.

‚Tappen im Dunklen’ vs. vernünftiges Wirtschaften, oder das Schicksal des sozialistischen „Gemeinwesens“ vs. die Möglichkeiten des freien Marktes

Wie von Mises herausstellt, würde es in einer sozialistischen (d.h. von einem „Gemeinwesen“ kontrollierten) Wirtschaft völlig an einer freien Preisbildung mangeln. Das Fehlen von Marktwirtschaftspreisen für Kapitalgüter oder Ressourcen bedeutet zugleich das Fehlen von Orientierungspunkten (bezüglich der Verwendung von Ressourcen) und Anreizen, die durch die Hoffnung auf Gewinne und die Gefahr vor Verlusten entstehen. Folglich würde ein sozialistisches System keine Basis für eine Wirtschaftsrechnung bieten. Dies würde, um von Mises’ Worte zu zitieren, zum ‚Tappen im Dunklen’ führen.

Sozialistischen Systeme wie das der Sowjetunion waren tatsächlich vom Staat kontrolliert. In ihnen wurden auch Preise durch zentrale Planer festgelegt. Aufgrund des Fehlens von Preisbildungen im Zusammenhang mit Angebot und Nachfrage konnten weder sozialistische Planer noch sowjetische Unternehmen die Produktionskosten abschätzen. Außerdem konnten sie nicht auf Grundlage einer Gewinn-Verlust-Rechnung kalkulieren, ob Ressourcen oder eine Kombination aus diesen effizient eingesetzt wurden.

Dagegen eröffnet eine freie Marktwirtschaft eine Vielzahl an Möglichkeiten. So sind hier die Produktionsmittel nicht in der Hand eines Gemeinwesens oder des Staates, sondern in den Händen privater Unternehmer. Sie und ihre Unternehmen erleiden nicht das Schicksal von sozialistischen Planern, da es Marktwirtschaftspreise sowie einen Markt für Kapitalgüter oder Produktionsmittel gibt, welche daher zu Austauschobjekten werden.

Durch das Vorhandensein eines Marktes und von Preisen für Ressourcen wird eine Wirtschaftsrechnung durchführbar. Laut von Mises gestattet die Möglichkeit einer solchen Rechnung ein vernünftiges Wirtschaften.

Neben diesen Wirtschaftsrechnungen ist ein weiteres bedeutendes Merkmal von freien Märkten das Vorhandensein von Konkurrenz. Da Unternehmer oder Unternehmen auf einem freien Markt miteinander konkurrieren, ist es für private Unternehmer erforderlich, aus verschiedenen Kombinationen von Ressourcen zu wählen, um sie am produktivsten zu verwerten und Kosten zu sparen. Gewinne und Verluste signalisieren ihnen schließlich, ob sie die Ressourcen auf effiziente Weise eingesetzt haben.

Anmerkungen zur Literatur: Neben dem Artikel „Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“ habe ich beim Verfassen dieses Textes Einführungsbücher von den amerikanischen Ökonomen Thomas Sowell und Robert P. Murphy zu Hilfe genommen.

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My name is Nils Zumbansen, Ph.D. I'm from Germany. The title of my blog already indicates what my blog is about. To put it more precisely, my bilingual blog covers the following topics: Western civilization, economic principles, British history, the British legal system, the concept of liberty, American politics, church history, Christianity, current affairs and the history and philosophy of science. Apart from these topics, I'm also interested in narratives and stories (i.e. literature, films and TV shows). I (will) publish my articles in English and German. // Mein Name ist Nils Zumbansen. Ich bin promovierter Anglist. Mein bilinguales Blog dreht sich um folgende Themen: Europäische und amerikanische Kultur, ökonomische Grundprinzipien, britische Geschichte, das britische Rechtssystem, Freiheitskonzepte, amerikanische Politik, Kirchengeschichte, das Christentum, aktuelle Ereignisse sowie Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie. Daneben bin ich auch an narrativen Strategien, Literatur, Filmen und TV-Serien interessiert. Ich schreibe meine Artikel auf Deutsch und Englisch.