‘Scientist’: Der englische Begriff für ‘Naturwissenschaftler’ – Eine Wortschöpfung aus dem 19. Jahrhundert

Im Jahre 1833 prägte der englische Universalgelehrte William Whewell den englischen Begriff für (Natur-)Wissenschaftler scientist in Analogie zu dem Wort artist (dt. Künstler).

Bereits im Mittelalter lässt sich der Begriff science im Englischen nachweisen. Der Begriff  science – den man ja heute mit ‘(Natur-)Wissenschaft’ ins Deutsche übersetzt – leitet sich vom lateinischen Wort scientia ab, was soviel wie ‘Wissen’ bedeutet.

Im Gegensatz zu science erschien das Wort scientist als Bezeichnung für ‘(Natur-)Wissenschaftler’ erst relativ spät in der englischen Sprache – nämlich im 19. Jahrhundert. Verwendet wurde es erstmalig von dem englischen Universalgelehrten William Whewell (1794-1866). Er war Astronom, anglikanischer Priester, Autor sowie Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftsphilosoph. Der Begriff fiel zum ersten Mal auf einem Treffen der British Association for the Advancement of Science (BAAS) im Jahre 1833.

An diesem Treffen nahmen unter anderem Whewell und der Dichter Samuel Taylor Coleridge (1772-1834) teil. Einer der Diskussionspunkte war der merkwürdige Umstand, dass noch keine geeignete Bezeichnung für ‘Männer’ existierte, die sich dem systematischen ‘Studium’ oder der Untersuchung der Natur widmeten (Anmerkung: Zu dieser Zeit gab es nicht so viele ‘Studentinnen der Natur’.).

Whewell berichtete von diesem Treffen und dieser Diskussion in seiner anonym erschienenen Rezension zu Mary Somervilles Wissenschaftsbuch On the Connexion of the Physical Sciences (, welches sich im 19. Jahrhundert übrigens sehr gut verkaufte):

“Es gab keinen allgemeinen Begriff, mit dem sich diese Herren selbst in Bezug auf ihre Aktivitäten beschreiben konnten. Der Begriff ‘philosophers’ wurde als eine zu weitreichende und zu hochtrabende Bezeichnung empfunden, und dieser wurde von Mr. Coleridge, sowohl in seiner Eigenschaft als Philologe als auch als Metaphysiker,…untersagt;…ein geistreicher Gentleman schlug vor, dass sie in Analogie zu ‘artist’ die Wortneuschöpfung ‘scientist’ bilden könnten,… wenn wir schon solche Worte wie ‘sciolist’, ‘economist’ und ‘atheist’ haben – doch dies wurde nicht allgemein angenommen…” (Anmerkung: Whewells Rezension erschien in The Quarterly Review 51.1 (1834): 54-68. Der zitierte bzw. übersetzte Teil findet sich im Original auf Seite 59. Die Anführungsstriche bei den englischen Begriffen stammen von mir.)

Der erwähnte ‘geistreiche’ (oder ‘erfindungsreiche’) Gentleman war William Whewell selbst.

Laut diesen Zeilen prägte er das Wort scientist in Analogie zu artist (dt. Künstler). Interessanterweise kann diese Analogie – bis zu einem gewissen Grad – im Zusammenhang mit den Schauerromanen des 19. Jahrhunderts wie Mary Shelleys Frankenstein (1818) hergestellt werden.

Wenn man berücksichtigt, dass man einen Künstler generell als kreative Person oder manchmal sogar als eine Art “Schöpfer” bezeichnen kann, scheint der Hauptcharakter Victor Frankenstein durch sein ‘Geschöpf’ – Frankensteins Monster – das Motif des ‘Wissenschaftlers als Gott’ anzudeuten. Schließlich verkörpert Frankenstein nicht nur den ‘verrückten Wissenschaftler’, sondern auch den ‘tragischen Künstler’ oder den ‘Gott, der keiner ist’.

Kehren wir aber zu Whewell zurück. Obwohl sein Vorschlag auf dem Treffen nicht auf allgemeine Anerkennung stieß, verwendete er den Begriff scientist in seinen Büchern. Bald darauf setzte dieser sich dann durch.

Quellen: 

Gimbel, Steven (Hg.): Exploring the Scientific Method. Cases and Questions. Chicago u. London: The University of Chicago Press 2011.

Hannam, James: God’s Philosophers. How the Medieval World Laid the Foundations of Modern Science. London: Icon Books 2009. 

Harrison, Peter, Ronald L. Numbers u. Michael H. Shank: Introduction. In: Wrestling with Nature. From Omens to Science. Hrsg. v. ders.: The University of Chicago Press 2011. S. 1-7.

Haynes, Roslynn: From Faust to Strangelove. Representations of the Scientist in Western Literature. Baltimore: Johns Hopkins University Press 1994.

Wagner, Sven: The Scientist as God. A Typological Study of a Literary Motif, 1818 to the Present. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2012. 

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My name is Nils Zumbansen, Ph.D. I'm from Germany. The title of my blog already indicates what my blog is about. To put it more precisely, my bilingual blog covers the following topics: Western civilization, economic principles, British history, the British legal system, the concept of liberty, American politics, church history, Christianity, current affairs and the history and philosophy of science. Apart from these topics, I'm also interested in narratives and stories (i.e. literature, films and TV shows). I (will) publish my articles in English and German. // Mein Name ist Nils Zumbansen. Ich bin promovierter Anglist. Mein bilinguales Blog dreht sich um folgende Themen: Europäische und amerikanische Kultur, ökonomische Grundprinzipien, britische Geschichte, das britische Rechtssystem, Freiheitskonzepte, amerikanische Politik, Kirchengeschichte, das Christentum, aktuelle Ereignisse sowie Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie. Daneben bin ich auch an narrativen Strategien, Literatur, Filmen und TV-Serien interessiert. Ich schreibe meine Artikel auf Deutsch und Englisch.

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