Eine Geschichte über die Entdeckung der Pockenimpfung: Edward Jenner, seine Beobachtungen und sein ‚bemerkenswertes‘ Experiment

In der heutigen westlichen Welt können wir uns kaum mehr vorstellen, wie verheerend der ansteckende Pockenvirus in der Vergangenheit war. Viele Kinder starben an Pocken. Zudem konnte der Pockenvirus einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung auslöschen. Dies war insbesondere in Großstädten der Fall, weil sich dort der Virus rasch ausbreitete. Es wird geschätzt, dass im England des 17. Jahrhunderts ca. ein Viertel der Bevölkerung dieser furchterregenden Infektionskrankheit zum Opfer fiel.

Zu den Symptomen gehören hohes Fieber, starke Schmerzen sowie ausgeprägte Hauterscheinungen. So ist die Haut mit Pusteln oder Eiterbläschen übersät. Aber im Jahr 1980 gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekannt, dass die Pocken vollständig ausgerottet seien. Heute lagern die noch verbliebenen Exemplare der gefährlichen Pockenviren in zwei Laboren. Eines befindet sich in den USA und das andere in Russland. (Trotzdem werden die Pocken zudem künstlich im Labor nachgezüchtet.)

Den Grundstein für die vollständige Ausrottung des Pockenvirus legte der englische Landarzt Edward Jenner (1749-1823). Er praktizierte in seiner Heimatstadt Berkeley in Gloucestershire. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte er die Pockenimpfung durch seine Beobachtungen und durch ein ‚bemerkenswertes‘ – aus heutiger Sicht allerdings umstrittenes – Experiment.

Unsere Geschichte beginnt im ländlichen Gloucestershire des 18. Jahrhunderts. Neben Jenner – dem ‚Helden der Geschichte‘ – sind Melkerinnen, Kühe und ein achtjähriger Junge die Protagonisten.

Jenners Beobachtungsgabe: Die Melkerinnen gaben den ersten Hinweis

Es war im ländlichen Gloucestershire hinlänglich bekannt, dass Melkerinnen aufgrund ihrer Arbeit mit Kühen an Kuhpocken ‚erkrankten‘. Dabei handelt es sich um eine relativ leichte virale Infektion. Obwohl die Hände der Melkerinnen Pockenpusteln oder Pockenläsionen aufwiesen, schienen sie widerstandsfähiger gegenüber dem gefährlichen Pockenvirus zu sein. Somit gaben die Melkerinnen den ersten Hinweis.

Edward Jenner bemerkte dies (wohl) durch seine Beobachtungsgabe. In den folgenden Jahren machte er weitere Beobachtungen. Schließlich entwickelte er die Hypothese, dass eine Impfung mit Kuhpocken potenziell gegen die Pocken schützen könnte. Um dies zu testen, musste er aber ein Experiment durchführen.

Das Experiment mit dem kleinen Jungen

Die Impfpraxis war in England bereits geläufig. Nachdem sich die englische Aristokratin Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762) in Konstantinopel von der Wirksamkeit der Impfung überzeugt hat, ließ sie erst ihren kleinen Sohn und später in England ihre Tochter impfen. Sie brachte außerdem die Prinzessin von Wales dazu, die Behandlung im Jahr 1721 bei ihren Töchtern auszuprobieren. Diesbezüglich sollte man beachten, dass der Eingriff zuvor an zum Tode verurteilten Straftätern getestet wurde. Sie überlebten und wurden danach aus dem Gefängnis entlassen.

Schon bevor Jenner seine Experimente durchführte, injizierten während des 18. Jahrhunderts auch andere Individuen – wie ein Deutscher namens Jobst Bose oder der englische Bauer Benjamin Jesty (1736-1816) – einzelnen Personen Pockenmaterial, um sie gegen die Pocken zu immunisieren. Nichtsdestotrotz führte Jenner im Jahre 1796 das letztlich entscheidende Experiment in dieser Hinsicht durch.

Zuerst entnahm Jenner Eiter von einer Kuhpockenläsion, die er an der Hand der infizierten Melkerin Sarah Nelmes entdeckte. Anschließend führte er den Eiter in Einschnitte an den Armen eines achtjährigen Jungen ein. Sein Name war James Phipps, der der Sohn von Jenners Gärtner war.

Der kleine Junge blieb gesund, auch wenn er einmal an einem eintägigen Fieber litt. Sechs Wochen später injizierte Jenner ihm Pockenmaterial. Trotzdem erkrankte er nicht, wodurch die Wirksamkeit dieser Art der Impfung bestätigt wurde.

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen wirkt Jenners Experiment sicherlich beunruhigend. Solch ein Experiment mit einem achtjährigen Jungen würde heutzutage von einem medizinischen Ethik-Kommitee untersagt werden. Bereits zu Jenners Lebzeiten rief sein innovativer Ansatz anfangs negative Reaktionen hervor.

Anfängliche Kritik und späteres Lob

Die Royal Society lehnte die Veröffentlichung von Jenners Aufsatz ab. Stattdessen entschied er sich dazu, seine kurze Abhandlung mit dem Titel An Inquiry into the Cause and Effects of Variolae Vaccinae, or Cowpox (1798) privat zu veröffentlichen. An dieser Stelle ist es sinnvoll, auf den ersten Teil des Wortes ‚Vaccinae‘ einzugehen. Er bezieht sich nämlich auf das lateinische Wort für Kuh – ‚vacca‘. Im Englischen übersetzt man (Schutz-)Impfung übrigens daher mit ‚vaccination‘.

Zu Beginn betrachteten einige Menschen die neue Methode der Schutzimpfung mit Argwohn. Man beklagte sich zum Beispiel über die angebliche ‚Kontamination‘ des Menschen mit Material von Kühen oder überhaupt mit tierischem Material. Zudem existierte beispielsweise eine Karikatur. Sie bildet anscheinend geimpfte Menschen ab, aus deren Körperteilen unter anderem Kuhköpfe wachsen.

Jedoch wurde die Schutzimpfung sowohl in Großbritannien als auch im Ausland langsam aufgegriffen. Interessanterweise, machte ein Parlamentsgesetz aus dem Jahr 1853 die Schutzimpfung verpflichtend.

Jenner wurde als eine Art Held gefeiert. Er erhielt unter anderem Ehrengaben vom britischen Parlament und wurde von Napoleon sowie einem berühmten Gründervater der USA – Thomas Jefferson – ausdrücklich gelobt.

Quellen:

Bynum William: The History of Medicine. A Very Short Introduction. Oxford (et al.): OUP 2008.

French, Steven: Science. Key Concepts in Philosophy. London: Continuum 2007.

Stevenson, Leslie u. Henry Byerly: The Many Faces of Science. An Introduction to Scientists, Values, and Society. Boulder (et al.): Westview Press 1995.  

 

 

 

 

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Edward Jenner – The Story of How He Discovered the Smallpox Vaccine through Observation and a ‚Remarkable‘ Experiment

In the Western world today, we can hardly imagine how devastating the infectious smallpox virus was in the past. Lots of children died of smallpox, which could also wipe out a significant part of the whole population – especially in cities because there it could spread more quickly and easily. It is (/ was) estimated, for example, that this terrible disease led to the death of a fourth of England’s population during the 17th century.

The symptoms include high fever, pain and a skin eruption. Accordingly, the skin is then covered with fluid filled blisters. But in 1980 the World Health Organisation announced the global eradication of smallpox by stating: ‚Smallpox is dead.“ Nowadays, the few remaining specimens of this dangerous virus are kept by just two laboratories in the U.S.A. and in Russia.

The foundation for the eradication of the smallpox virus was laid by the English country doctor Edward Jenner (1749-1823). He practiced at his hometown Berkeley, Gloucestershire. Towards the end of the 18th century, he discovered the smallpox vaccine through his observations and a ‚remarkable‘ – but from today’s perspective disputable – experiment.

Our story begins in 18th-century rural Gloucestershire. Besides Jenner, ‚the hero of the story‘, the protagonists were milkmaids, cows and an eight-year-old boy.

Jenner’s Observant Eye – Milkmaids Provided the First Clue

It was known in rural Gloucestershire that milkmaids contracted cowpox, a relatively mild viral infection, because of their work with cows. Although they had blisters on their hands, the milkmaids seemed to have become more resistent to the serious smallpox virus. Hence, the milkmaids in Gloucestershire provided the first clue.

Edward Jenner noticed this with his, so to speak, ‚observant eye‘ and made further observations of milkmaids over some years. Eventually, he developed the hypothesis that    inoculation with cowpox could potentially immunize against smallpox. However, to test whether material from cowpox blisters could protect against smallpox, he had to perform an experiment.

The Experiment with a Young Boy

The practice of inoculation was common in England. After Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762) had witnessed the effectiveness of inoculation in Constantinople, she had her young son and, later in England, her daughter inoculated. She also convinced Caroline, the Princess of Wales, to try the treatment on her daughters in 1721. Note that the procedure had previously been tested on criminals, who were sentenced to death. They survived and were afterwards released from prison.

During the 18th century a German named Jobst Bose, the English farmer Benjamin Jesty (1736-1816) and a few others had arguably injected material from cowpox into some individuals as a means of protection against smallpox before Jenner started his experiments. Nevertheless, the latter conducted the decisive experiment in 1796.

First of all, Jenner removed some of the pus from a cowpox lesion he found on the hand of Sarah Nelmes, an infected milkmaid. Subsequently, he rubbed this pus into cuts or scratches in the skin of the arms of an eight-year-old boy. His name was James Phipps, the son of his gardener.

The young boy remained relatively well, even though he suffered from mild discomfort (i.e. a day’s fever). Six weeks later, the country doctor injected the young boy with ordinary smallpox material. Despite this exposure to smallpox material, James Phipps was unaffected and survived. Since the boy was immune, Jenner confirmed the effectiveness of this kind of inoculation or – what we nowadays call ‚vaccination‘ – with the help of his novel approach.

From our today’s point of view, Jenner’s experiment certainly seems disconcerting. Such an experiment with an eight-year-old boy would surely have been forbidden by a medical ethics committee. Unsurprisingly, already in his own lifetime, his approach prompted some initial negative reactions.

From a Cartoon of People with Cows‘ Heads and Other Negative Reactions to Compulsory ‚Vaccination‘

The Royal Society rejected the publication of Jenner’s original paper. Edward Jenner thus set about publishing his account An Inquiry into the Cause and Effects of Variolae Vaccinae, or Cowpox (1798) privately. It should be noted that the beginning of the word ‚Vaccinae‘ refers to the Latin word for cow, ‚vacca‘. Therefore, the term vaccination has come into use.

Initially, some people were, of course, suspicious of the new technique of vaccination and reacted negatively. For instance, one complaint related to the alleged ‚contamination‘  of humans with matter from a cowpox lesion or, in general, with animal material. There was also a cartoon that depicts a vaccine institution, in which cows‘ heads and hooves grow out of vaccinated people’s body parts.

Yet, the idea of vaccination slowly became popular in Britain and abroad. Interestingly, an Act of Parliament made vaccination compulsory.

As for Jenner, he acquired hero status. He received grants from the British Parliament and was praised by, among others, the famous U.S. Founding Father Thomas Jefferson and Napoleon.

Sources:

Bynum William. The History of Medicine: A Very Short Introduction. Oxford (et al.): OUP, 2008.

French, Steven. Science: Key Concepts in Philosophy. London: Continuum, 2007.

Stevenson, Leslie, and Henry Byerly. The Many Faces of Science: An Introduction to Scientists, Values, and Society. Boulder (et al.): Westview Press, 1995.